Hommage an den leidenden Künstler: Joey Goebels “Vincent”
Seit dem plötzlichen Tod Michael Jacksons ist einer der zentralen Begriffe der Kunst wieder in aller Munde: das Leiden des Künstlers. Wir wissen von vielen der kreativsten und prägendsten Künstler aller Zeiten, dass sie womöglich erst durch ihr erfahrenes Leid zu ihren bedeutenden Lebenswerken kamen. So war es bei Hoffmann, Van Gogh, Chagall oder eben auch bei Michael Jackson. All diese Menschen durchliefen in ihrem Leben verschiedene Traumata, von denen sie sich teilweise nie erholten und die Frage, ob gerade diese Traumata den Künstler erst wirklich ausmachen ist in anbetracht der großen Masse an leidenden Künstlern sehr berechtigt.
Joey Goebel spinnt in seiner Mediensatire „Vincent“ diesen Gedanken bis an die Spitze mit der Leitfrage: Was wäre, wenn man das Leben eines Künstlers systematisch verpfuschen würde, um seine Kreativität und damit den Erfolg zu fördern?
In „Vincent“ beschließt ein Milliardenschwerer Medienmogul (Parallelen zu Rupert Murdoch und Time Warner sind hier vom Autor gewollt) gegen Ende seines Lebens wieder mehr Qualität in die Medien zu bringen, die er beherrscht. Das Fernsehen, die Popmusik, das Kino … Alles soll intelligenter und Künstlerisch anspruchsvoller werden. Um diesen Zweck zu erfüllen wird eine Künstlerakademie gegründet, die die talentiertesten Kinder des Landes unter Vertrag nimmt. Jeder Student der Akademie bekommt nach einer erneuten Selektion einen Begleiter an die Hand, der von nun an als eher zweifelhafter Schutzengel über seinen Schützling wacht. Die Mission der Begleiter: Den reifenden Künstler kontinuierlich Leiden zu lassen, koste es was es wolle.
Der dramatische Fokus des Buchs richtet sich auf Vincent, dem mit abstand talentiertesten aller Studenten der Akademie. Dessen Leidensweg wird in mehreren kleinen Episoden aus der Sicht von Vincents Begleiter und in gewisser Hinsicht einzigen Freund Harlan erzählt.
Dieser erzählt manchmal zynisch, manchmal melodramatisch und manchmal auch eiskalt seine Schritte, um Vincent in kreativer Stimmung zu halten. Das fängt beim töten des geliebten Hundes im Kindesalter an, geht über die Manipulation jeglicher Liebesbeziehungen bis hin zum hervorrufen von Impotenz – wobei letzteres eher ungewollt war. Trotz oder gerade aufgrund der oft dramatischen Schicksalsschläge reift Vincent zu einem großem Genie heran. Seine Musik stürmt überall auf der Welt die Charts, seine Kinofilme werden Blockbuster und mehrere seiner Fernsehserien werden ein großer Erfolg.
Im Verlauf des Buches wird der Leser förmlich hin und her gerissen zwischen dem Erfolg eines künstlerischen Masterminds und eines wirklich ruinierten Lebens und muss seine eigenen Gedanken immer wieder in Frage stellen. „Vincent“ ist eines der wenigen Pop-Literatur-Bücher der letzten Jahre, die ein unterbewusstes Wandeln des Lesers auf mehreren philosophischen Ebenen hervorruft, ohne ihn sonderlich intellektuell fordern zu wollen. Dies liegt vor allem auch an der von Goebel gewählten, sehr vertraulich wirkenden Erzählform die zwar locker und authentisch wirkt, dennoch aber ein konstant starkes Sprachniveau bietet, das den Lesefluss beschleunigt.
Alles in allen ist Joey Goebels „Vincent“ eine gekonnt geschriebene Mediensatire mit viel Unterhaltungswert und der beste Zeitvertreib für regnerische Sonntage im Bett. Für den Strand ist das Buch allerdings nicht zu empfehlen, da vielen Lesern das Ende des Buches zu viel zu denken gab, und das ist bei einem Tag am Strand wirklich kontraproduktiv.
Viel Spaß beim Lesen.
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